Mit Herz und Hirn

der Freitag - 08.04.2016

aus: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/mit-herz-und-hirn

Musik Noch ein Soli-Sampler? „Refugees Welcome – Gegen jeden Rassismus“ ist leider brandaktuell

Wer mit 20 Jahren kein Sozialist ist, so der französische Politiker Georges Clemenceau einmal, der habe kein Herz, wer es mit 40 noch immer ist, kein Hirn – und ganz ähnlich lässt sich wahrscheinlich sagen: Wer an eine Soli-Compilation mit der spitzen Feder der Plattenkritik herangeht und diese unter rein ästhetischen Gesichtspunkten bespricht, der hat weder Herz noch Hirn. Wir sind also gut beraten, wenn wir uns für die Dauer dieses Textes locker machen und das Ganze betrachten.

Künstlerische Aktionen im Dienst einer guten Sache, das ist bekannt, haben es stilistisch wie inhaltlich schwer. So ehrenwert sie im Detail sein mögen, verströmen sie unweigerlich diese grobschlächtige Aura; eine Mischung aus Bono, Ai Weiwei, Michael Jackson, Hannes Jaenicke und Band Aid. Moralische Erziehung ist nicht Aufgabe der Popmusik, und entsprechend sind Songs, die besonders eindeutig gegen Rassismus, Ausgrenzung und andere Gefahrenlagen Stellung beziehen, nicht selten platt.

Die Probleme, die auf dem Sampler Refugees Welcome – Gegen jeden Rassismus verhandelt werden, sind nun aber keine theoretischen, sondern sehr handfeste. Man muss sich nur mal fünf Minuten mit Torsun Burkhardt unterhalten, Sänger der auf dem Sampler vertretenen Band Egotronic, um zu ahnen, was für ein Dauerhorror es ist, sich wie er im öffentlichen Raum immer wieder den Rechten entgegenzustellen.

Die Wut des Fischfilets

Wer sich selbst nicht die Finger schmutzig machen will, sollte zumindest anerkennen, wenn andere das übernehmen. Demos, Aktionen, Straßenkampf – der ganze superanstrengende Kram halt.

Was mittelfristig hilft, ist Geld, und so wandern sämtliche Erlöse an „lokale, selbstorganisierte und antirassistische Initiativen“, wie es im Pressetext heißt. Schließlich erklärte uns schon Emir Kusturica in seinem Film Schwarze Katze, weißer Kater: „Ein Problem, das man nicht mit Geld lösen kann, kann man mit viel Geld lösen.“

Der von den Autoren und Herausgebern Jonas Engelmann und Thorsten Nagel zusammengestellte Sampler erscheint bei dem Berliner Polit-Label Springstoff in Kooperation mit dem Mainzer Ventil Verlag und dem Düsseldorfer Verein Kupo e. V. Die 22 Songs sind von sehr unterschiedlicher Qualität, neben Egotronic (Deutschland, Arschloch, Fick Dich) versammeln sich etablierte Musiker wie Dirk von Lowtzow (Fuck you Frontex), Denyo (Gegenwind), Frittenbude (Oury), die Antilopen Gang (Beate Zschäpe hört U2) oder Feine Sahne Fischfilet (Wut) – knapp die Hälfte der Stücke wurde exklusiv für den Sampler produziert, sie alle eint naturgemäß die Botschaft. So heißt es bei Frittenbude: „Wir schütten Benzin in die lodernde Glut, um das Feuer einzudämmen / Kontrolle ist gut, mehr Kontrolle ist besser, unser Frieden ist teuer“, und in Das Boot ist voll, einem guten, interessant produzierten Track der Gruppe form: „Das Mittelmeer ist wunderschön, ein schönes Meer, die schöne Natur / Und das AIDA-Clubschiff fährt vorbei, die Passagiere schauen entsetzt, die armen Leut.“

Zwar reicht keiner der Songs an die Meisterschaft etwa der Goldenen Zitronen heran, die es immer verstanden, Politikaktivismus subtil, elegant und leicht daherkommen zu lassen – empfohlen sei der Zitronen-Song Das bisschen Totschlagvon 1994 –, aber hier geht es, wie gesagt, um etwas anderes. Also kaufen Sie diese CD. Oder gehen Sie selbst auf die Straße.

„Platte des Monats“

kreuzer - 01.04.2016

01 V.A.
REFUGEES WELCOME – GEGEN JEDEN RASSISMUS

SPRINGSTOFF

NoLegida-Soundtrack

Kreuzer Cover 04.16Als wir letz- tens bei der NoLegida-Demo ein- trafen, lief gerade »Ich hab Poli- zei« von Jan Böhmermann, was man entweder völlig daneben n- den kann ob der rechten Vorwürfe, die man vor allem der sächsischen Polizei immer wieder macht, oder völlig witzig ob der Ironie der sich vor einem aufbauenden Beamten. Was nun wirklich ein guter Anti- Nazi-Demo-Song ist, darüber kann man tref ich diskutieren – unser Favorit: »No Limits« von 2Unlimi- ted –, doch dieser Sampler könnte Abhilfe schaffen (und mit Feine Sahne Fisch lets Zeile »Niemand muss Bulle sein« einen weiteren Beitrag zur Polizei-Diskussion lie- fern). Jonas Engelmann und Tors- ten Nagel haben ihn zusammenge- stellt, um Menschen, die sich aktiv gegen Gewalt von Rechts und für Flüchtlinge einsetzen, nanziell zu unterstützen. Sämtliche Erlöse gehen an lokale selbst organisierte antirassistische Initiativen. Was allein schon reichen würde, ihn zu kaufen, selbst wenn man Musik gar nicht mag. Die kommt aus den verschiedenen Ecken der politi- schen Genrelandschaft. Während Dirk von Lowtzow zur Akustikgi- tarre »Fuck you, Frontex« skan- diert und Egotronic auf fröhlichste Mitmachmelodie »Deutschland, Arschloch, ck dich, wir hassen dich so sehr« trällern, geht Sookee die Thematik etwas differenzier- ter an, zieht »Zusammenhänge« zum Patriarchat, und das stadt- bekannte Brockdorff Klang Labor lädt einfach alle in die »Festung Europa« ein. Die Flüchtlingskrise, brennende Heime, Rassismus – diese Platte ist ein gutes Zeichen, dass viele Bands das so nicht hin- nehmen wollen. Dass der Sampler aber auch die Leute erreicht, die noch nie auf einer Antifa-Demo waren, bleibt nur zu hoffen. Alle anderen haben jetzt einen Sound- track. JULIANE STREICH

Exzesse! Antifa-Pop & DDR-Folk

neues deutschland - 18.03.2016

neues-deutschland.de / 18.03.2016 / Feuilleton / Seite 13
Quelle: https://www.neues-deutschland.de/artikel/1005587.exzesse.html

Exzesse!
Antifa-Pop & DDR-Folk

Thomas Blum

Gewöhnlich zuckt man ja angstvoll zusammen, wenn man davon hört, dass es einen neuen Soli-Musiksampler aus der antifaschistischen Szene geben wird, weil man das Übliche erwarten darf: baskischen Zwei-Akkorde-Autonomenpunk, unbeholfen gereimte Revolutionsaufrufe, mehr schlecht als recht vertonte Flugblatttexte und die vierundsiebzigste Coverversion von »Bella Ciao«. Doch hier ist erfreulicherweise mal alles anders: musikalisch abwechslungsreich, politisch nicht banal, modern im besten Sinn. Vertreten ist auch die Band Pisse mit einem Remix ihres Gassenhauers »Scheiss-DDR«: »’89 war’s soweit / Ach, was wart ihr alle frei / Alle auf zum Flüchtlingsheim / Jeder haut ’nen Molli rein.« (Bevor die ersten Beschwerden eintrudeln: Kurz darauf mutiert der Refrain zu »Scheiss-BRD« bzw. »Scheiss- Europa«.) Versammelt sind auf der Compilation aber auch Tracks von alten Bekannten wie Knarf Rellöm, Feine Sahne Fischfilet, Dirk von Lowtzow (»Fuck you, Frontex«) und Egotronic, die in ihrem schönen Titel »Deutschland, Arschloch, fick dich« feststellen: »Deutsche tun, was Deutsche eben tun / Verwerten, töten, unterjochen / Keine Zeit, um auszuruhen / Es gibt noch viel zu unterdrücken«. Jedenfalls ist bei der Formgebung der Lieder die Absicht, »Jugendliche durch die Übersteigerung der Beat-Rhythmen zu Exzessen aufzuputschen« (E. Honecker, 1965), unverkennbar.
Im beiliegenden Booklet wird der Hörer in kompakter Form über die Gründe für das Erscheinen dieser Compilation informiert: Neben anderen Dokumenten findet sich etwa ein historischer Abriss der im Lauf der Jahre immer menschenfeindlicher gestalteten deutschen Asylpolitik und eine knappe Aufschlüsselung der diversen rechten Akteure, von den Neonazis bis zu den AfD-Spackos. Und, um das Wichtigste hier nicht zu vergessen: »Die Verkaufserlöse werden selbstorganisierten antirassistischen Initiativen und Gruppen im ländlichen Raum zur Verfügung gestellt!« Leuten also, die sich ehrenamtlich engagieren, um ein kleines Zipfelchen Zivilisation in Gegenden aufrechtzuerhalten, in denen der Dumpfsinn sich immer rasender ausbreitet.
Wem das alles zu modern ist, für den gibt es aber auch etwas: Die Musikarchäologen vom rührenden Label Bear Family Records haben einen Blick auf den eigenwilligen Musikgeschmack des einstigen Zentralrats der FDJ geworfen und längst versunkene musikalische Perlen der Hootenanny- und Folk-Bewegung der DDR der 60er Jahre wieder ans Tageslicht geholt. Auf der Compilation werden die musikalischen Umtriebe im Umfeld des Kommunisten Perry Friedman dokumentiert. Wertung: Im zentralen Leistungsvergleich beider CDs schneiden alle zwei sehr gut ab.

V.A.: »Refugees Welcome – Gegen jeden Rassismus« (Springstoff / Ventil-Verlag)
V.A.: »Hootenanny in Ostberlin« (Bear Family / In-Akustik)